Sollberger empfiehlt, die Situationen zu beschreiben, in denen sich die Vergesslichkeit bemerkbar macht, denn diese geben ebenfalls Hinweise auf mögliche Ursachen. Vergesslichkeit habe nämlich mehrere Facetten: Sie kann etwa das sogenannte verbal-episodische Gedächtnis betreffen, was dazu führt, dass man Gesagtes vergisst. Menschen, die sich nicht an vor kurzem erhaltene neue Informationen oder Ereignisse mit häufiger Update-Frequenz erinnern können, leiden an solch einem episodischem Gedächtnisproblem; sie vergessen zum Beispiel häufig Wochentage, während der Monat oder das Jahr besser erinnert werden kann, weil er über einen längeren Zeitraum Geltung hat.
Grundsätzlich ist das verbal-episodische Gedächtnis stärker gefordert als das visuelle Gedächtnis, das für die Orientierung verantwortlich ist. Der alltägliche Bewegungsraum hat in der Regel eine Beständigkeit, während der sprachliche Austausch täglich neue Informationen produziert.
Das trainierte Gehirn
Ein Faktor für die Diagnose einer Gedächtnisstörung ist das Niveau, auf dem ein Mensch im Alltag kognitive Leistungen erbringt. Wenn jemand in seinem Beruf geistig stark gefordert ist, ist dies eine andere Ausgangssituation als der Alltag einer pensionierten Person, die im Allgemeinen geistig weniger beansprucht wird als in ihrem früheren beruflichen Alltag. Im zweiten Fall wird eine Gedächtnisstörung später wahrgenommen, weil die Pensionärin oder der Pensionär im Alltag viel stärker Routinen wiederholt, was das Gedächtnis natürlich weniger fordert. «Deshalb kommen berufstätige Patienten meist zu einem früheren Zeitpunkt zu uns als ältere Patienten.» Eine Herausforderung bei der Diagnose einer Gedächtnisstörung sind auch Menschen, die auf einem sehr hohen geistigen Niveau mit hoher Analyse-, Kommunikations- und Entscheidungsfrequenz arbeiten. Ein Gedächtnisproblem kann dann unter Umständen in einer Testung nicht festgestellt werden, da die Testung für die betroffene Person immer noch zu einfach ist.
Medizinische Detektivarbeit
Wenn man für die Ursachen der Vergesslichkeit keine offensichtliche Erklärung findet, dann sei ein Gespräch mit einer medizinischen Fachperson für weitere Abklärungen hilfreich, empfiehlt Sollberger. Es gibt eine grosse Bandbreite möglicher Ursachen für Vergesslichkeit oder andere Störungen der geistigen Leistungsfähigkeit wie der Aufmerksamkeit. Für den medizinischen Laien seien diese Ursachen häufig nicht offensichtlich, führt Sollberger weiter aus: «Ein Klassiker ist zum Beispiel das Schlafapnoe-Syndrom. Man ist tagsüber müde und unaufmerksam. Die Betroffenen und ihre Umgebung nehmen dies als Vergesslichkeit wahr. Wenn dann allerdings Tests durchgeführt werden, kann keine Gedächtnisstörung festgestellt werden, weil sich die Patienten während der Testung konzentrieren. Im Alltag jedoch haben sie Probleme, sich Dinge zu merken, da sie über den Zeitraum eines ganzen Tages in Zusammenhang mit der Müdigkeit Aufmerksamkeitsschwankungen haben.» Dieses Problem ist allerdings nicht Ausdruck einer Hirnkrankheit, sondern einer ungenügenden nächtlichen Erholung des Gehirns wegen wiederholter Sauerstoffmangelphasen als Folge der Atempausen im Schlaf. Dies sei ein typischer Fall, in dem keine Gedächtnisstörung vorliege, sondern eine erschöpfungsbedingte Aufmerksamkeitsstörung, die aber als Gedächtnisstörung von den Betroffenen interpretiert werden kann.
Bei den psychischen Ursachen einer Vergesslichkeit führt Depression die Rangliste an. Depressive Menschen wirken häufig abwesend, sind in ihren negativen Gedanken gefangen und können der Aussenwelt nur wenig Aufmerksamkeit geben. Auch in diesen Fällen zeigt die kognitive Testung typischerweise keine Gedächtnisstörung, wobei jedoch auch Personen mit Depression in der Testung Gedächtnisstörungen zeigen können. Das geistige Störungsbild ist bei der Depression sehr breit.
Sollberger führt im Gespräch auch vielfältige organische Ursachen für Vergesslichkeit auf: Für eine alternde Gesellschaft sind beispielsweise neurodegenerative Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit eine Herausforderung. Weiter existiert eine Form der Epilepsie – die Temporallappenepilepsie – welche zu kurzen Blackouts führt, bei denen die Betroffenen für einen Moment abwesend und nicht ansprechbar sind. Dieses Krankheitsbild betrifft ähnliche Regionen wie die Alzheimer-Krankheit im Frühstadium und entsprechend weisen diese Personen oft auch Gedächtnisstörungen auf. Ein Schlaganfall oder ein Schädelhirntrauma kommen ebenfalls in Frage. Die virale Herpesenzephalitis ist eine schwere, aber seltene Erkrankung des Gehirns, auch Tumore können die Gedächtnisleistung stören. Ein starker Vitamin-B1-Mangel, wie er bei Alkoholikern in Zusammenhang mit schwerer Mangelernährung vorkommen kann, wirkt sich ebenfalls negativ auf die Hirnleistung aus, mit teils schwersten Gedächtnisstörungen.
«Je jünger die Patienten sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um psychische Ursachen handelt. Je älter die Betroffenen sind, desto wahrscheinlicher wird eine neurodegenerative Ursache, nicht selten kombiniert mit einer Durchblutungsstörung des Gehirns», fasst Sollberger typische Ursachen zusammen.
Diese grosse Bandbreite lässt die Diagnose der Ursachen Âeiner vermeintlichen oder realen Gedächtnisstörung zur ÂDetektivarbeit werden. Neben der Art des Auftretens und dem Verlauf der Beschwerden sei das Alter ein wichtiger Indikator.
Testungen
Die Selbstwahrnehmungen von Patienten sind häufig sehr unterschiedlich. Manche haben Angst vor einer genetischen Prägung aufgrund einer neurodegenerativen Erkrankung in der Familie und beobachten sich selbst sehr stark. Sollberger kann allerdings nicht empfehlen, im Internet angebotene Selbsttests durchzuführen. Das Gespräch mit einer medizinischen Fachperson bringe hier eine bessere Klarheit und führe im Falle einer Störung auch zu einer Ursachenklärung.
Sollberger sieht kognitive Tests im Internet kritisch. Bei den frei verfĂĽgbaren Âkognitiven Onlinetests stelle sich die Frage: Was ist normal? Was sind die Normen, auf deren Basis die Auswertungen stattfinden? Kognitive Leistung sei individuell sehr unterschiedlich. Die Schulbildung respektive die berufliche Tätigkeit mit mehr oder weniger geistig gefordertem Hirn, aber auch das Alter und das Geschlecht, spielen beispielsweise eine wichtige Rolle. Solche Normen werden in neuropsychologischen Testungen berĂĽcksichtigt. Ein bekannter Kurztest, der von medizinischen Fachpersonen fĂĽr ein Screening nicht selten durchgefĂĽhrt wird, ist der MoCa-Test (Montreal-Cognitive-Assessment). Es gibt einen Score, der Alter, Ausbildungsjahre und Geschlecht in Relation zum Ergebnis setzt. Sollberger rät jedoch Laien davon ab, diesen Test selbst durchzufĂĽhren. Die Testung und die Interpretation der Ergebnisse gilt es in Zusammenhang mit der Erzählung der betroffenen Person zu setzen, und dies gehöre in die Verantwortlichkeit einer Fachperson.
Gedächtnisverlust - Was tun?