In fast 100 % der Fälle ist die Sucht nicht das primäre Problem der Betroffenen. Die Ursachen können Schüchternheit, Überforderung oder Versagensangst sein. Das sind Dinge, die ein Vorgesetzter merken sollte. Vorgesetzte sollten weniger über die Sucht sprechen, sondern das Gespräch verlagern auf die Themen, die mit der Arbeit zu tun haben. Die Führungskraft muss herausfinden, ob der Mitarbeiter über die entsprechenden Ressourcen verfügt, eine von ihm erwartete Arbeit gut zu erledigen. Die Suchtberatung ist besser Sache der Spezialisten.
In einem Mitarbeitergespräch können sich die Türen für beide Seiten öffnen. Der Vorgesetzte kann in einem solchen Rahmen sagen: «Irgendwas stimmt hier nicht. Was läuft hier nicht gut? Ich habe auch einen Anteil daran, es gemeinsam besser zu machen.»
Jetzt komme ich noch einmal auf die Ausgangsfrage zurück: Was ist Sucht? Sucht zeigt sich in äusserer und innerer Verwahrlosung. Den Betroffenen entgleiten Situationen. Sie brauchen deshalb klare Strukturen, also feste Arbeitszeiten, eindeutige Anweisungen und definierte Ergebniserwartungen. Und sie brauchen Ansprechpartner, um Handlungsspielräume abzuklären.
Strukturen geben auch Lernenden Sicherheit. In der Schule waren Handlungsspielräume eng gesetzt; die neue Arbeitssituation erfordert Orientierung. Jüngere brauchen deshalb mehr Feedbackschleifen, und zwar möglichst strukturiert, zum Beispiel in wöchentlichen Statusgesprächen. Das finden die Lernenden möglicherweise einschränkend, vor allem wenn sie noch nicht ganz aus der Pubertät sind. Doch auch ganz allgemein gilt: Jemand, der sich sicher fühlt, ist weniger in Gefahr, in eine Sucht zu rutschen. Um diese Sicherheit zu haben, muss eine Person ihre Aufgaben und Handlungsspielräume kennen und wissen, an wen sie sich wenden kann. Dann kann sie sich auch selbst entfalten und wird mit Feedback gefördert. Das motiviert. Ein häufiger Austausch ist präventiv.
Wie sollte eine Führungskraft vorgehen, die eine mittelmässige Arbeitsleistung beobachtet und eine Sucht vermutet?
Die Frage ist ja, ob Arbeitsleistung und Sucht überhaupt miteinander in Verbindung stehen. Es gibt immer die Gefahr, Menschen mit Sucht zu stigmatisieren und in Rechtfertigungspositionen zu drängen. Um dies zu vermeiden, ist die Gesprächsführung wichtig. Diese könnte zum Beispiel so laufen: «Ich merke, dass deine Arbeitsleistung nicht so ist, wie ich es mir wünschen würde (oder: dass du langsamer bist als …). Angenommen, meine Hypothese wäre, dass es vom Alkohol käme, dann würde ich mich jetzt fragen, ob du dies unter Kontrolle hast oder ob es dir entgleitet.»
Mit der Redewendung «Angenommen, ...» kann man sehr gut arbeiten. Man konfrontiert das Gegenüber nicht mit einer Feststellung. Nehmen wir beispielsweise die Situation, dass jemand nach Alkohol riecht, dann kann man sagen: «Angenommen, es wäre Alkohol, den ich an dir rieche, dann müsste ich mich fragen: Hast du es noch im Griff, und wie könnte ich dich vielleicht unterstützen?» Selbst wenn der Angesprochene erst einmal zurückhaltend reagiert, was meistens der Fall ist, ist doch ein Signal gesetzt. Die Verantwortung für die Sucht wird dem Betroffenen damit nicht abgesprochen, auch wenn er damit vorerst nicht umgehen kann. Wenn man belastet ist, ist die rationale Auseinandersetzung mit der Sucht weit weg, selbst wenn man die Zusammenhänge kennt.
Mit dem Satz «Hast du es noch im Griff?» macht man deutlich, dass man dem Gegenüber die Verantwortung für sich selbst zutraut, und bietet sich gleichzeitig an, den Betroffenen zu unterstützen, wenn ihm die Situation entgleitet.
Gesprächskultur wirkt präventiv