Welche Herausforderungen erleben Introvertierte in der Arbeitswelt?
Einen Arbeitsalltag mit einer hohen Stimulationsdichte empfinden viele Introvertierte als anstrengend. Ständig aus der Konzentration herausgerissen zu werden, häufige Meetings mit wechselnden Anforderungen, kurzfristige Terminverschiebungen, überraschende Gesprächsrunden – all das kostet Introvertierte viel Energie. Auch Extrovertierte erleben dies als anstrengend, aber da sie eine höhere Reizschwelle haben und Energie aus ihrer Umwelt aufnehmen, finden sie all dies auch stimulierend.
Gibt es hinsichtlich komplexer Wissensarbeit unterschiedliche Leistungsbilanzen Introvertierter und Extrovertierter?
Der Energieaufwand ist abhängig von der Arbeitssituation und den belastenden bzw. fördernden Umständen für gute Leistung. Eine introvertierte Person, die in einem betriebsamen Grossraumbüro wissenschaftliche Spitzenleistungen erbringen kann, ist eine Heldin! Ein weiterer wichtiger Faktor für die Qualität der eigenen Leistung ist die eigene Motivation: Wie gern arbeite ich an diesem Projekt? Wie wichtig ist es mir?
Wie sieht es bei der Teamarbeit aus, die bei komplexerer Wissensarbeit häufig gefordert ist?
Intros und Extros ergänzen sich optimalerweise. Die beiden Steves, die Apple gegründet haben, sind dafür ein Beispiel: Der introvertierte Steve Wozniak, der den ersten Apple-Computer zusammengeschraubt hat, hätte diesen nie ohne seinen extrovertierten Partner Steve Jobs als begnadetes Marketing- und Verkaufstalent auf die Strasse bekommen. Umgekehrt geht es auch: So hat der introvertierte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die extrovertierte Cheryl Sandberg als COO eingestellt. Eine gelungene Teamarbeit setzt allerdings voraus, dass sich Introvertierte und Extrovertierte ihrer Stärken und Schwächen bewusst sind. Ein Zusammenspiel funktioniert nicht, wenn eine Gruppe auf die andere herunterschaut. Bedingung ist vielmehr eine Wertschätzung für die Eigenschaften der jeweils anderen Ausprägung. Insofern sind Extroversion und Introversion vernachlässigte Diversitätsmerkmale.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine IT-Unternehmensberatung kam auf mich zu, weil es zwei Fraktionen innerhalb der Firma gab: auf der einen Seite die IT-Experten, die schwierige technische Lösungen für Kunden austüftelten, auf der anderen Seite die extrovertierten Kollegen, die die Beratungsleistungen verkauften. Die beiden Gruppen kamen in der Kommunikation nicht gut miteinander klar: Die Intros liessen die Extros einfach reden und zogen sich aus Diskussionen zurück, während die Extros den Intros vorwarfen, sich nicht einzubringen. Die einen sahen die anderen als jeweils defizitär.
Eine konkrete Massnahme bestand dann darin, dass ein (meist extrovertierter) Verkäufer nun immer zusammen mit einem (meist introvertierten) IT-Profi beim Kunden pitcht. Das technische Fachwissen des IT-Experten fördert das Vertrauen der Kunden und Kundinnen in die Kompetenz des Unternehmens mehr als die Auftritte der «aus der Torte springenden» V Verkäufer. Durch diese schlichte Massnahme und ihre guten Ergebnisse haben die beiden Gruppen eine neue Wertschätzung füreinander entwickelt.
Welche Stärken können Introvertierte ausspielen, wenn es darum geht, sich in der Arbeitswelt zu behaupten?
Die Intro-Extro-Teams können nur funktionieren, wenn jede Gruppe die Stärken der anderen im Blick hat. Introvertierte sind in Teams oft Vertrauensträger und Felsen in der Brandung – auch als Vorgesetzte. Es sind Menschen, die gut zuhören können und ein gutes Gefühl dafür haben, was das Team oder der Arbeitsprozess gerade braucht. Introvertierte können sich häufig sehr gut schriftlich ausdrücken, was in ganz verschiedenen Prozessen von Vorteil sein kann. Wenn Introvertierte die Wahl zwischen Telefonat oder E-Mail haben, werden sie eher eine E-Mail senden, weil sie dann in Ruhe die Information formulieren können und nicht spontan reagieren müssen. Auch die Vorsicht ist eine starke Seite, sie kann zum Beispiel helfen, unnötige Risiken zu vermeiden.
Introversion: Wohin geht die Energie?