Sadun empfahl für diese Transition drei Themenbereiche zur Reflexion:
- Systematisch denken: In einer komplexen Welt genüge es nicht, sich auf ein Individuum, eine Gruppe oder eine Organisation zu konzentrieren; stattdessen müsse das gesamte System von Praktiken und Prozessen bearbeitet werden.
- Lernprozesse entwickeln: Exploration sei ein wichtiger Schlüssel, ebenso wichtig sei es, aus Experimenten Lernerfahrungen zu ziehen.
- Strukturiertes delegieren: Verteilte und dezentralisierte Ansätze brächten häufig einen höheren Informationsgewinn und seien effektiver als Top-down-Ansätze.
Hybride Führung
Fast nahtlos schloss Gerhard Fehr, CEO des Beratungsunternehmens FehrAdvice & Partners, an die Aussagen seiner Vorrednerin an. Bewährte Prinzipien guter Führung seien vor allem in Zeiten der Unsicherheit tragfähig. Gleichzeitig sei es aber wichtig, Managementpraktiken weiterzuentwickeln und den neuen Gegebenheiten anzupassen. Experimente seien ein Schlüssel, neue Wege zu erschliessen. Fehr beobachtete in den letzten Monaten häufig unstrukturierte Experimente ohne Involvierung des Managements, um mit den Pandemie-Herausforderungen fertigzuwerden. Um aus Experimenten zu lernen, sei es jedoch notwendig, die Ergebnisse zu analysieren. Dazu müsse eine strukturierte Methodik bestehend aus Analyse-Tools (wie soll gemessen werden) und Leistungskennzahlen (was soll gemessen werden) festgelegt werden. Dabei solle nicht vergessen werden, dass auch der Status quo als Vergleichsszenario gemessen werden müsse.
Als Beispiel führte Fehr ein Experiment mit verschiedenen Arbeitsmodellen mit 5000 Teilnehmern aus. Für die Kontrollgruppe habe es keine Veränderung gegeben; ihre Mitglieder seien nach dem ersten Lockdown ins Büro zurückgekehrt. Die Ergebnisse dieses Experiments hätten deutlich positive Produktivitäts- und Zufriedenheitssteigerungen bei denjenigen Teilnehmern gezeigt, die ihr persönlich präferiertes Arbeitsmodell wählen konnten. Gleichzeitig habe es allerdings 50 % weniger Beförderungen gegeben.
An die Empfehlungen Saduns anknüpfend betonte Fehr den systematischen Blick auf die Transitionsanforderungen, mit den Schwerpunkten strategische Metriken, Führungskräftetraining, digitalisierte HR Journey und Arbeitsumgebung.
Strategische Metriken umfassten beispielsweise Identität, Feedback, Transparenz. Wichtig sei es, diese gleichzeitig zu implementieren, um eine simultane Transition des gesamten Systems zu gewährleisten. Selektiver Fokus behindere diesen Prozess. Führungskräfte müssten vor allem Selbstlern-Skills haben, verlässliche Vorbilder sein und sich selbst führen können. Die Rekrutierungs- und Onboarding-Kette sowie die Talententwicklung müssten komplett digitalisiert werden. Und schliesslich verlange die Arbeitsumgebung Aufmerksamkeit: Büros müssten Orte werden, an denen man das macht, was nicht virtuell erledigt werden kann. Sie müssten Gemeinschaft, Kollaboration und Identität schaffen (siehe hierzu das Interview mit Prof. Windlinger im Fokus Office Space).
Der Artikel basiert auf den Ausführungen der Veranstaltung «8th Academy of Behavioral Economics 2021 – Remote Leadership: Scientific Evidence, Facts & Solutions» vom 27. Januar 2021, organisiert und durchgeführt von GDI und FehrAdvice & Partners.
Work from Home – ein tragfähiges Arbeitsmodell für die Zukunft?