Frau Studer, wie sehr beschäftigt Swissmem das Thema Berufsbildung?
Wir haben den Anspruch, die Mitarbeitenden unserer Unternehmen über die gesamte Berufslaufbahn zu begleiten. Unsere Branche ist stark vom Fachkräftemangel betroffen, weshalb wir uns besonders stark in der Bildung engagieren. Dies beginnt bereits sehr frühzeitig mit der MINT-Förderung während der Schulzeit. Den Schwerpunkt unseres Engagements bildet jedoch die berufliche Bildung. Hier sind wir für neun Berufe (siehe Kasten, Seite 20) verantwortlich. Wir betreiben eine eigene Academy und gestalten in verschiedenen Trägerschaften die höhere Berufsbildung mit. Im bildungspolitischen Umfeld engagieren wir uns generell für die Schaffung guter Rahmenbedingungen.
Finden Reformen im Bildungsbereich heute noch in einem angemessenen Tempo statt?
Sowohl die technologische als auch die gesellschaftliche Entwicklung schreiten enorm schnell voran. Das ist eine Tatsache. Wir sind in allen Bereichen – nicht nur in der Bildung – gefordert, damit Schritt zu halten. Ich bin überzeugt, dass uns dies in der Bildung gelingt. Dass unsere Berufsbildung zeitgemäss ist, stützt auch die Einschätzung im Bildungsbericht. Die Berufsbildung ist für den Fachkräftenachwuchs in unserer Branche nach wie vor der wichtigste Zugang zum Beruf. Zwei Drittel der jungen Mitarbeitenden kommen über den Berufsbildungsweg. Wir stellen zudem einen starken Trend zu tertiären Abschlüssen fest. Dies gilt sowohl generell gesellschaftlich als auch in unserer Branche. Auch die Absolventen tertiärer Abschlüsse haben zu einem grossen Teil einen Berufsbildungsbackground, denn der Anstieg der Maturitätsquoten beruht zu grossen Teilen auf dem Anstieg der Berufsmaturitäten. Es ist wichtig, der Bevölkerung bewusst zu machen, dass die Berufsbildung ein gleichwertiger Weg ist, der – mit, aber auch ohne Berufsmatur – in die Tertiärisierung führen kann. Unsere Herausforderung besteht unter anderem darin, dass viele unserer Berufe hohe Anforderungsprofile haben, die auf leistungs- und lernstarke Schülerinnen und Schüler ausgerichtet sind. Wir sind gefordert, den Interessierten, Eltern und Lehrpersonen die hervorragenden Entwicklungsmöglichkeiten auf Basis der Berufsbildung aufzuzeigen.
Welche Rolle spielt die Zukunftsfähigkeit eines Berufs?
Die Zukunftsfähigkeit ist ein sehr wichtiges Thema. Es beinhaltet zum einen die Entwicklungsmöglichkeiten, zum anderen die Frage, ob die erlernten Kompetenzen auch in Zukunft noch gebraucht werden. Wir sehen seit Jahren eine starke Verschiebung des Kompetenzbedarfs. Insbesondere in der Industrie ist die Automatisierung durch Digitalisierung schon weit fortgeschritten. Repetitive Tätigkeiten werden immer weniger benötigt. Die Berufe entwickeln sich mit den neuen Anforderungen stetig weiter. Ein Beispiel: Früher war Polymechaniker ein handwerklicher Beruf, heute bedarf er vieler Fähigkeiten im digitalen Bereich. Eine CNC-Maschine muss programmiert und bedient werden können. Diese Schnittstelle zwischen Mensch und Technik verlangt nicht nur Technologiewissen, sondern auch Sozialkompetenzen. Diese bilden deshalb ein wichtiges Element in der Berufsbildung.
Berufsbildung neu denken