Wenn wir vom klassischen Mitarbeitergespräch reden, dann geht es häufig um folgendes Szenario: Es findet einmal im Jahr statt, es geht neben der Leistungsbewertung des Mitarbeitenden auch um Ziele und möglicherweise Boni. Daran wird seit Jahren viel Kritik geübt. Was steckt aus Ihrer Sicht dahinter?
Ich denke, dass es für diese Kritik zwei Hauptursachen gibt: Zum einen geht es bei solchen Mitarbeitergesprächen mitunter zu wie auf einem Bazar. Da wird über alles Mögliche verhandelt; so wird etwa eine Forderung nach mehr Salär mit einer Weiterbildung aus einem anderen Budgettopf abgegolten – oder ähnliche Vereinbarungen. Diese Vorgehensweise ist nicht sehr zielführend. Die andere Hauptursache sehe ich darin, dass Mitarbeitende häufig das Gefühl haben, dass ihre Vorgesetzten sie gar nicht wirklich beurteilen können, weil sie beispielsweise in anderen Projektteams tätig sind, in die ihre Vorgesetzten nicht direkt involviert sind, weshalb diese ihre Arbeit nur zum Teil wahrnehmen könnten. Diejenigen, die ihre Arbeit eigentlich beurteilen könnten, seien eben nicht ihre Vorgesetzten.
Dies sind also die Hauptkritikpunkte: Mangelnder Fokus im Mitarbeitergespräch und Zweifel daran, dass die Führungsperson ein umfassendes Feedback geben kann.
Sind solche Argumente nicht schon eine harte Kritik an den Vorgesetzten und an der Organisation? Sie offenbaren doch eine Entfremdung der Führungskräfte von ihren Mitarbeitenden.
Das Management by Objectives (MbO) kommt aus einer Zeit, als die Firmen noch hierarchisch organisiert waren und von Flexibilität und Agilität noch nicht gross die Rede war. In dieser Zeit hat das, was Peter Drucker an Ideen dazu entwickelt hat, gut gepasst. Aber die Welt hat sich seitdem verändert. Dies betrifft auch Organisationen, die sich nun schneller entwickeln und agiler werden.
Ich halte das jährliche, dokumentierte Mitarbeitergespräch noch immer für sinnvoll; schwierig wird es allerdings, wenn mit diesem Jahresgespräch der Austausch als erledigt betrachtet wird.
Ich sage immer: Das jährliche Mitarbeitergespräch sollte der langweiligste Austausch im ganzen Jahr sein. Dann läuft es richtig. Wenn eine der beteiligten Personen sich fragt, was in dem Gespräch wohl kommen könnte, dann haben die beiden nicht gut zusammengearbeitet, sonst wüssten beide, was auf sie zukommt. In einer gut geführten Unternehmung sollte das Gespräch gar nicht notwendig sein.
Sicher kann ein Jahresgespräch einen Dialog nicht ersetzen. Aber welche Funktion hat es dann noch?
Das Jahresgespräch hat eigentlich nur die Funktion der Dokumentation. Heute wechseln Vorgesetzte im Zuge von Reorganisationen, Fusionen oder Standortwechseln häufiger. Dann ist die Dokumentation der Zusammenarbeit für Führungskräfte und Mitarbeitende sehr nützlich. Vor allem wenn plötzlich Einschätzungen zur Arbeitsleistung von Mitarbeitenden ganz anders ausfallen als vor dem Wechsel.
Das Jahresgespräch sollte jedoch keinen Verurteilungscharakter haben – es geht ja um Wertschätzung, das heisst, es sollte eingeschätzt werden, welchen Wert die Arbeit der mitarbeitenden Person in diesem Jahr hatte. Das ist der Zweck. Lohnverhandlungen haben darin gar nichts verloren.
Was wäre Ihre optimale «Dramaturgie» zum Thema Feedback?
Ich empfehle, während des Jahres fünf bis sechs kürzere Gespräche, in denen es um Retrospektiven und nächste Prioritäten geht. Zu jedem dieser Feedback-Gespräche kann man ein generelles Thema wählen, beispielsweise Weiterbildung oder Kompetenzen. Mit der Ergänzung eines generellen Themas verhindert man auch, dass diese Gespräche zu flüchtig geführt werden. Wenn dann das Jahresgespräch stattfindet, ist die Arbeit eigentlich erledigt, und es geht nur noch um die Dokumentation.
Das klassische Mitarbeitergespräch hat also keineswegs ausgedient. Es muss aber eingebettet sein in einen kontinuierlichen Dialog, der jährlich dokumentiert wird, was dann der unvermeidliche administrative Teil des Führungshandelns ist.
Das jährliche Mitarbeitergespräch – ein Ritual aus vordigitalen Zeiten?