In ihren Forschungen sind Gewalterfahrungen am Arbeitsplatz und Emotionsregulierungen wiederkehrende Schwerpunkte. Als Leiterin des Fachgebiets Sozial-, Arbeits- und Organisationspsychologie an der Deutschen Hochschule der Polizei verfügt Prof. Dr. Andrea Fischbach über entsprechend fundierte Expertise. «Gewalt kommt in vielen Berufen vor. Es ist aus der Sicht des Arbeitsschutzes und der Arbeitsgesundheit ein grosses Thema.»
Dabei unterscheidet sie zwischen der alltäglichen Gewalterfahrung und der ausserordentlichen Gewalterfahrung, die als lebensbedrohlich und folglich traumatisch erlebt wird. «Traumata sind so definiert, dass in der Situation die eigene Unversehrtheit oder die eines Menschen, den ich direkt beobachte, bedroht bzw. gefährdet ist.» In der täglichen Interaktion mit Menschen können in Konflikt- und Stresssituationen Diskussionen in verbale oder gar körperliche Gewalt eskalieren, wenn sich einer oder beide Kommunikationspartnerinnen missverstanden, respektlos oder ungerecht behandelt fühlen.
Emotionsarbeit zur Stressreduktion
Das Gefühl des Ärgers erzeugt Stress, der sich nicht nur negativ auf das eigene Befinden auswirkt, sondern auch ein gezieltes Agieren verhindern kann. «Es ist eine Anforderung für Menschen, die mit professionellen Interaktionen ein Arbeitsziel verfolgen, in bestimmten Situationen einerseits gut mit den eigenen Emotionen und andrerseits auch gut mit den Emotionen des anderen umzugehen. Dieses souveräne Verhalten gegenüber den eigenen und den Emotionen des anderen – das ist Emotionsarbeit.» Präzise definiert die Wissenschaftlerin Emotionsarbeit als eine Aktivität, mit der man das eigene emotionale Erleben bewusst beeinflusst, um eine Interaktion zielführend und möglichst positiv zu gestalten. Dies kann ein Mittel der Prävention von Gewalterfahrungen sein. Gelungene Emotionsarbeit wirkt sich aber auch direkt auf die Wahrnehmung der Qualität einer Dienstleistung durch Kundinnen und Kunden aus.
«Ich bin ein Fan der Idee des transformationalen Services.» Dabei gehe es darum, die Rahmenbedingungen für Dienstleistungssituationen – dazu gehören für Andrea Fischbach auch Interaktionen mit Behörden und Polizei – so zu gestalten, dass es gar nicht erst zu einer Eskalation komme. Zur Illustration führt Andrea Fischbach ein Beispiel aus: Wenn ein geplanter Flug ausfalle und die Fluggesellschaft nur eine Person abstelle, um die Situation mit den Fluggästen zu lösen, dann sei der Stress psychologisch gesehen vorprogrammiert; dieser könne vielleicht sogar in Gewalt eskalieren. «Diese Dienstleistungssituation ist nicht gut gestaltet, denn die Kundinnen und Kunden brauchen eine schnelle Orientierung. Wie weiter? Möglicherweise muss man dafür sorgen, dass Grundbedürfnisse der Fluggäste befriedigt sind, sie müssen die Möglichkeit haben, etwas zu trinken, zu essen und irgendwo bequem warten zu können. Das sind alles Dinge, die der einzelne dienstleistende Mensch in der Interaktion nicht unbedingt selbst steuern kann.» Diese Begleitumstände hätten auch Einfluss auf die Emotionsarbeit – sie können Interaktionen erleichtern oder eben erschweren.
Rollenbild als Dienstleister klären
Bei der Emotionsregulierung müssten die Dienstleistenden den Kundinnen und Kunden immer einen Schritt voraus sein: «Sie sind die Profis für Interaktionsarbeit», erklärt Andrea Fischbach. «Ich kann von einem Kunden nicht erwarten, dass er weiss, wie man höflich fragt. Ich kann es natürlich wünschen, aber es ist auch eine Frage der eigenen Professionalität, dessen Perspektive zu übernehmen.» Wichtig sei in diesem Zusammenhang, sich das eigene Rollenbild bewusst zu machen: «Bin ich hier, um meine Organisation gut zu vertreten oder um dem Kunden das Gefühl zu geben, dass er bei uns gut aufgehoben ist, oder um gemeinsam mit dem Kunden zu überlegen, wie diese schwierige Situation gelöst werden kann?» Das eigene Rollenverständnis ist hier zwar von grosser Bedeutung; allerdings müssen den Akteuren auch die Rahmenbedingungen gegeben werden, um das Problem zu lösen, was etwa in dem Beispiel des ausgefallenen Flugs bedeuten würde, dass adäquate Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Auch Erholung, sogenannte Detachments, sei ein wichtiger Faktor der Emotionsregulationen. «Der Umgang mit Eskalationen ist professionelle, anspruchsvolle Arbeit, aber zum Teil wird in Organisationen so getan, als ob diese einfach selbstverständlich ist», kritisiert Andrea Fischbach die mancherorts anzutreffende mangelnde Anerkennung der hohen Anforderungen.
Perspektivenwechsel