Neben der Würdigung der Gruppenerfolge sei es jedoch auch wichtig, die Beträge Einzelner hervorzuheben und Potenziale individuell sichtbar zu machen, erklärt Krummenacher. Eine transparente Struktur für die Förderung individueller Karrieren unterstützt zudem die Lern- und Entwicklungskultur. «Zur Lernkultur gehört auch eine Fehlerkultur, die es ermöglicht, Risiken einzugehen und Neues zu wagen», betont Krummenacher.
Aus der Hirnforschung wisse man, dass positive Emotionen das Lernen, den Fokus, die Kreativität und die Innovation förderten, erklärt der Neurowissenschaftler. Deshalb seien positive Erlebnisse und Beziehungen am Arbeitsplatz nicht zu unterschätzen. So sei es wichtig, dass auch Emotionen angesprochen werden dürften. Vertrauen und Beziehung stabilisierten ein Team auch in Krisen- oder Veränderungssituationen. Aber, so betont Krummenacher, vertrauensvolle Beziehungen müssten immer an Lernstrukturen angekoppelt sein, sonst sei die Gefahr einer Pseudoharmonie gegeben.
Pseudoharmonie
«Wenn der Groupthink sehr ausgeprägt ist, kann es sich auch um
eine Pseudoharmonie handeln», sagt Krummenacher und führt aus: «Wenn es so wirkt, als wären im Team alle gleicher Meinung und einander zugewandt, kann sich darunter auch die Angst verbergen, Kritik und andere Meinungen zu äussern und Fehler zu machen.» Dies sei besonders oft zu beobachten, wenn Gruppen sehr homogen, hierarchie- und statusorientiert seien und zudem personenbezogene Schuldzuweisungen dominierten.
Deshalb müsse auch das richtige Mass an Diversität gut organisiert sein. Dazu gehöre selbstverständlich, dass das Team die Leute aussuche, die es gut ergänzten und zur Unternehmenskultur passten. «Es ist aber ganz wichtig, dass sich die Teammitglieder nicht klonen», sagt Krummenacher. Das sei häufig der Fall und auch menschlich, für die Gruppenintelligenz und die Leistungskurve des Teams aber nicht sehr förderlich.
Kraft der Rituale
In der heutigen Arbeitswelt sind Teamstrukturen häufig sehr dynamisch. Mitarbeitende sind mitunter projektweise in wechselnden oder mehreren Teams gleichzeitig tätig. Teams können örtlich verteilt sein, schwarmartig unterwegs sein, sprachlich und kulturell divers oder rein remote miteinander agieren. In diesen Konstellationen sei es schwieriger, Emotionalität und Vertrauen aufzubauen. Zugehörigkeit sei ein wichtiger Faktor, weil sie die Qualität der Beziehung ausmache. Die gemeinsam gelebte Kultur, die Art, wie man miteinander umgehe und diskutiere, wie man einander zuhöre, wie man Entscheidungen treffe, das alles schaffe Verbindung und Zugehörigkeit.
«Wenn man sich unter solchen Arbeitsbedingungen ausschliesslich auf die Aufgabe konzentriert, dann ist Kommunikation nur noch einfach ein Updating», sagt Krummenacher. Das könne zwar sehr effizient und zielorientiert wirken. «Aber die offenen Türen, der informelle Informationsfluss, die zufälligen Gespräche und Begegnungen fehlen.» Und genau daraus entstehe oft nicht nur ein besserer Zusammenhalt, sondern auch neue Impulse und innovative Ideen. Krummenacher verweist auf die Erfahrungen im Zuge der Corona-Massnahmen. In Krisenzeiten seien zwischenmenschliche, vertrauensstiftende Rituale sowie unterstützende Verhaltensweisen wichtige Stabilitätsfaktoren, um resilienter mit Ungewissheit umzugehen.
Essenz guter Gruppenintelligenz
Von Gruppenintelligenz könne man sprechen, wenn das Wirken des gesamten Teams stärker sei – die Gruppe schlauer ist als die Summe der Intelligenz der einzelnen Teammitglieder. Für einen guten «We-Q», wie Krummenacher Gruppenintelligenz auf einen kurzen Nenner bringt, brauche es Selbstreflexionsfähigkeit im Team, psychologische Sicherheit sowie vernetzte Diversität und Perspektivenvielfalt auf der Basis einer gemeinsamen Verantwortung und eines geteilten Verständnisses der Arbeit.
We-Q