Herr Schnell, schnelle Wachstumsphasen geben nicht immer nur Anlass zur Euphorie. Wie verändert sich in dieser Zeit die Teamdynamik?
Es gibt in jedem Team immer die klassischen Phasen Forming, Storming, Norming, Performing (siehe Grafik, Seite 18). Ergiebiger zum Verständnis der Entwicklungsphasen im Leben eines Unternehmens ist aus meiner Sicht das Modell von Friedrich Glasl und Bernard Lievegoed, das sie in ihrem Buch «Dynamische Unternehmensentwicklung» beschrieben haben. Die Autoren legen dar, dass sich Unternehmen ganz ähnlich wie Menschen in ihren Lebensphasen entwickeln. Ein Mensch hat eine frühe Kindheit, eine Pubertät, ein Leben als junger Erwachsener usw. Unternehmen durchleben auch verschiedene Phasen, wobei sie ebenso wenig wie Menschen einzelne Abschnitte überspringen können. In jedem Stadium gibt es Entwicklungsaufgaben, die absolviert werden müssen, damit sich das Unternehmen weiterentwickeln kann.
Nun bin ich aber gespannt zu erfahren, was in der Pubertät eines Unternehmens passiert.
Beginnen wir mit der Kindheit: Die erste Phase ist die sogenannte Pionierphase, also die Start-up-Zeit. Das Team ist klein, man kennt sich, man trinkt zusammen Kaffee, man tauscht sich informell aus, ist flexibel und vertraut sich. Man mag sich, «tickt» ähnlich und hat gemeinsame Ambitionen. Wenn das Unternehmen wächst, muss es aus dieser «Kindheitsphase» in die Differenzierungsphase kommen, wie die Autoren das zweite Stadium bezeichnen. In dieser Phase werden neue Regeln entwickelt, beispielsweise wie Ferien gehandhabt werden, wer welchen Parkplatz erhält oder wie Überstunden ausgeglichen werden. Solche Differenzierungsphasen können auch ältere Unternehmen durchleben, wenn sie sich verändern. Beispielsweise wenn externe Niederlassungen an einem neuen Hauptsitz eingegliedert werden und bestimmte Abläufe und Kompetenzen unklar sind. Wenn das Team grösser wird, funktioniert der kurze, informelle Dienstweg nicht mehr. Prozesse und Verantwortlichkeiten werden unübersichtlicher. Die Menschen brauchen aber Sicherheit und Orientierung darüber, was wie erwartet wird.
Welche Teamgrössen betrifft dies?
Der Amazon-Gründer Jeff Bezos hat einmal gesagt, es sollten nur so viele Menschen zusammenarbeiten, wie von zwei Pizzas satt werden, also fünf oder sechs Personen. Dies wurde auch in der Forschung verifiziert. Fünf bis sechs Personen können einander gut einschätzen und diskutieren. In grossen Gruppen wird es schwierig. Sitzungen lassen sich in grossen Gruppen nur schwer durchführen. Entwicklungsarbeit vollzieht sich am besten in kleinen Teams. Die Grossgruppe kann nur wenige bestimmte Dinge miteinander erarbeiten. Echte Diskussionen und intensiver Austausch funktionieren nicht in einer Grossgruppe. Die Problematik in wachsenden Unternehmen besteht häufig darin, dass die Führungskräfte methodisch mit Grossgruppen genauso arbeiten wollen wie zuvor mit Kleingruppen. Für grosse Gruppen braucht man eine andere Methodik – das ist bereits bei zwanzig Personen der Fall.
Wenn das Unternehmen pubertiert