Was sind Komponenten einer Unternehmenskultur, die eine lebensphasengerechte Weiterentwicklung der Mitarbeitenden ermöglicht?
Man sollte sich im ersten Schritt einmal mit der Zusammensetzung (Population) der Mitarbeiterschaft auseinandersetzen. Häufig bauen sich Konflikte entlang der Generationen-Gaps auf. Man kann Teams dafür sensibilisieren. In Generationen-Workshops lasse ich die verschiedenen Generationen ihre Prägungen und unterschiedlichen Wahrnehmungen entdecken und diskutieren. Meist schafft man dadurch gegenseitiges Verständnis und überwindet Hemmnisse.
Wichtig sind zudem gemischte Teams. Man kann auch Tandems einführen, bei denen es darum geht, voneinander zu lernen. Diese arbeiten dann an bestimmten Themen zusammen, die zuvor aufgefächert sein sollten. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht, weil sich in dieser Zusammenarbeit auch Netzwerke mischen. Man muss bei solchen Programmen immer dafür sorgen, dass kein Gefälle zwischen Jung und Alt erzeugt wird, sondern der Austausch auf Augenhöhe zwischen den Generationen stattfindet.
Programme zum lebenslangen Lernen unterstützen die Integration ebenfalls. Es gibt zwar immer Mitarbeitende, die für Weiterbildungen weniger aufgeschlossen sind, diese erreicht man aber noch häufig mit niederschwelligen internen Angeboten. Ein niederschwelliges Programm kann ein Sprach- oder Excelkurs sein. Dies ist meist einfach umzusetzen. Regelmässig führe ich Seminare zu «Gehirngerechtem Arbeiten» durch, die zeigen, dass Menschen im mittleren Alter noch hochleistungs- und lernfähig sind. Es gibt keinen Grund, nicht mehr zu lernen, es braucht hauptsächlich Motivation und Übung.
Empfehlenswert zur Vorbereitung einer grösseren Weiterbildung sind Workshops zur Standortbestimmung, in denen die Teilnehmenden sich damit beschäftigen, wie sie ihre nächsten Entwicklungsschritte sehen, und diese dann mit ihren Vorgesetzten auch diskutieren. In einem solchen Seminar werden die Teilnehmenden auch angehalten, sich zu überlegen, wie sie die nächsten Ziele erreichen, welche Rolle das interne oder externe Netzwerk spielt oder wie sie ihre Selbstvermarktung betreiben. Diese Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Stärken mobilisiert die meisten, sich nochmals aktiv mit der eigenen Karriere auseinanderzusetzen.
Welche Faktoren bremsen die Motivation älterer Mitarbeitender?
Wenn Menschen feststellen, dass ihre Merkfähigkeit abnimmt, verunsichert das. Dies bedeutet aber nicht, dass man kognitiv abbaut. Man würde ja auch keinem Arzt unterstellen, dass er mit sechzig ein weniger guter Mediziner ist als mit dreissig. Das Erfahrungswissen kompensiert altersbedingte, kognitive Verlangsamung. Ein guter Arzt wird mit den Jahren meist noch besser. Die Selbstwahrnehmung wird häufig von der Kultur beeinfl usst. Wenn man sich in einem Umfeld bewegt, in dem man mit fünfzig als alt bezeichnet wird, dann versucht man, sich nur noch bis zur Pensionierung «durchzuretten». Das sind 10 bis 15 Jahre. In zehn Jahren hat man aber zwischen 25 und 35 eine ganze Karriere gemacht! Das kann man auch mit 50. Leider wird das heute nur von wenigen so gesehen. Gleichzeitig spricht man von Fachkräftemangel. Da frage ich mich: Wovon sprechen wir da genau?
In einer altersdiskriminierenden Kultur, in der Leute ab 45 nicht mehr eingestellt werden, verhält man sich als älterer Mitarbeiter auch anders. Dann fordert man nicht, will keine Fehler machen. Die Leute geraten in eine Paralyse und schöpfen ihre Potenziale nicht mehr aus. Stellenverlust hat heute selten mit Leistung zu tun. Es kann heute jeden treffen. Ursächlich ist Kostendruck. Digitalisierung ist nur bedingt ein Grund. Die Jüngeren sind zwar mit Screens aufgewachsen, aber das grundsätzliche Verständnis für Digitalisierung ist nicht grösser. Relevant ist nur das Inter-
esse für bestimmte Themen.
Wie haben Sie ältere Mitarbeitende in Transformationsprozessen wahrgenommen?
Dies hängt von ihrer Rolle und Funktion ab. Häufi g gibt es ältere Entscheidungsträger, die die Transformation vorantreiben. Ältere haben bestimmte Kompetenzen, die altersspezifi sch sind und in diesem dynamischen Geschäftsfeld extrem wichtig sind, beispielsweise Gelassenheit im Umgang mit Ungewissheit oder Krisen, Entscheidungsfähigkeit auch mit unvollständigen Informationen, Helikoptersicht, stärkere Prioritätenorientierung, langfristiges Denken und Mitbedenken von Konsequenzen. Dazu fehlt Jüngeren meist die Erfahrung. Deshalb ist eine gute Durchmischung der Teams wichtig. Man muss aber immer bedenken, dass es unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale gibt, die diese Kompetenzen auch beeinfl ussen. Ob man beispielsweise grundsätzlich offen für Neues ist, ist sehr oft altersunabhängig.
Heute sind die Hierarchien durchlässiger. Junge führen auch schon einmal Ältere. Das ist mitunter schwierig, weil Jüngere auch Hemmungen haben, sich gegenüber Erfahreneren durchzusetzen oder nicht wissen, wie. Hier muss bei der Führungsausbildung angesetzt werden. Führungskräfte müssen darin geschult werden, wie sie den unterschiedlichen Altersgruppen gerecht werden können, um die Potenziale aller Altersgruppen auszuschöpfen und ein Klima der gegenseitigen Wertschätzung zu schaffen.
[1] OECD 2020.
[2] Staatssekretariat für Wirtschaft SECO: Bericht Ältere Arbeitslose 50+.
Brücken zwischen Generationen bauen